Plus Die Kunst, aber auch die Wirtschaft lebt von Ideen, die oft gemeinsam entstehen. Deutschlands führender Kreativitätsforscher sagt, wie das im Lockdown gelingt.

 

Professor Holm-Hadulla, eine Umfrage des Leesman-Instituts unter . Beschäftigten weltweit hat kürzlich ergeben, dass rund Prozent der Befragten sagen, im Homeoffice und über Videokonferenzen wären sie nicht in der Lage, kreativ mit anderen zusammenzuarbeiten. Deckt sich das mit Ihren Erkenntnissen?

 

Prof. Rainer M. Holm-Hadulla: Das Homeoffice trägt Chancen und Risiken in sich. Manche können es produktiv und kreativ nutzen, andere werden inaktiv und einfallslos. Das hängt sowohl von den Persönlichkeiten als auch vom Arbeitsbereich ab. Personen, die besser selbstgesteuert nach ihren eigenen Rhythmen arbeiten, profitieren. Andere, die eher von der gemeinsamen Arbeit inspiriert werden, leiden. Entscheidend ist der Arbeitsbereich. Zum Beispiel können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler oder Programmiererinnen und Programmierer oft besser allein Ideen entwickeln, pädagogisch, therapeutisch und sozial Tätige laufen hingegen Gefahr zu verkümmern.

 

Man denkt bei Kreativität ja gerne an die geniale Idee des einzelnen Talentierten. Inwieweit ist Kreativität denn etwas Kooperatives?

 

Holm-Hadulla: Das hängt von der Domäne ab. Kreative Ideen stellen sich oft ein, wenn man allein seinen Gedanken nachgehen kann. Dazu muss man jedoch genug Wissen und Können gesammelt haben, um das Erlernte neu und brauchbar, das heißt kreativ, kombinieren zu können. Und der Erwerb von Wissen und Können geht meistens in der Gemeinschaft besser. Das gilt besonders für Domänen, in denen emotionale und soziale Intelligenz gefragt ist. Das habe ich an Beispielen wie Einstein, Picasso, Bill Gates im Buch „Kreativität – Konzept und Lebensstil“ illustriert. Letztlich muss jeder das rechte Maß zwischen sozialem Lernen und eigener Verarbeitung herstellen. Dies hängt allerdings auch sehr vom Alter ab.

 

Holm-Hadulla: Kleine Kinder entwickeln sich in beständigem Austausch mit ihren Bezugspersonen. Auch in Schule, Berufsausbildung und Studium sind persönliche Begegnungen nicht nur zum Wissenserwerb, sondern für die Persönlichkeitsentwicklung und soziale Verantwortungsübernahme unerlässlich. In höherem Alter kann man sich leichter zurückziehen, um das Erfahrene und Erlebte allein zu durchdenken und sich zum Beispiel in Literatur und Musik unaufgeregt zu vertiefen. Deswegen treffen ja auch die sozialen Kontaktbeschränkungen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene wesentlich härter als Ältere, deren berufliche und familiäre Laufbahn „in trockenen Tüchern“ ist.

 

Nicht nur die Kunst, auch die Wirtschaft lebt ja vom Finden und Erfinden von Neuem und Originellem. Der Wirtschaftsprofessor Nicholas Bloom von der Stanford University sagt, dass die Geschäftsführer, die sich derzeit an ihn wenden, sich vor allem um den Verlust an Kreativität durch die Verlagerung ins Homeoffice sorgten – weil zu sehr nur noch nach Plan und Terminen gesprochen und gedacht werde. Eine berechtigte Sorge?

 

Holm-Hadulla: Ja und nein. Albert Einstein und Bill Gates haben ihre grundlegenden Ideen allein ausgebrütet. Allerdings haben sie diese mit Freunden und Kollegen vertieft und mit ihnen Anwendungen ausprobiert. Mathematikern und Physikern schadet beständige Kommunikation. Erzieher, darstellende Künstler und die meisten Handwerker und Sportler sind auf persönlichen Kontakt angewiesen.

 

Holm-Hadulla: Für die Kreativitätsförderung ist es wichtig, die fünf Phasen des kreativen Prozesses zu berücksichtigen: Vorbereitung, Inkubation, Illumination, Durchführung und Verifikation. In der Vorbereitungsphase wird Wissen und Können erworben, das in der Inkubationsphase oft unbewusst neu kombiniert wird. In dieser Phase des Nachdenkens ist man zumeist mit seinen Ideen allein und auch die Illumination, das Aha-Erleben, kommt aus den eigenen, neu kombinierten neuronalen Netzwerken. In der vierten Phase, der Ausarbeitung, hängt es wiederum sehr von der spezifischen Tätigkeit ab, ob sie besser allein oder eher gemeinschaftlich abläuft. Die Verifikation, das heißt die Prüfungs- und Bewertungsphase, findet schließlich vorwiegend im Kontakt mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern statt.

 

Holm-Hadulla: Kreativität ist ein komplexes Phänomen, das man nur interdisziplinär erforschen kann. Schauen wir uns die fünf Voraussetzungen der Kreativität an, die ich in meinem oben erwähnten Buch beschrieben habe: Begabung und Talent, Wissen und Können, Motivation und Widerstandsfähigkeit, Persönlichkeitseigenschaften wie Reizoffenheit einerseits und Eigensinn andererseits und schließlich fördernde und fordernde Umgebungsbedingungen. Diese fünf Faktoren haben je nach Tätigkeit unterschiedliche Bedeutung. Neurowissenschaftlich wissen wir, dass kreative Prozesse in einem Wechselspiel von Ausbildung kohärenter neuronaler Netzwerke und deren Neukombination stattfindet. Psychologisch entspricht dies einem produktiven Gleichgewicht von fokussiertem Arbeiten und freiem Fantasieren. Praktisch spiegelt sich dies in einem guten Zusammenspiel von Struktur und Freiraum, Ordnung und Chaos.

 

. Januar: Erste bestätigte Infektion in Deutschland. Zwei Wochen später ist der Mann aus Bayern wieder gesund.

 

.. Februar: Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen melden erste nachgewiesene Fälle. Weitere Bundesländer folgen, am . März hat Sachsen-Anhalt als letztes Land seinen ersten Fall.

 

. März: In NRW gibt es die ersten Todesfälle innerhalb Deutschlands. Die Zahl der Infektionen steigt bundesweit auf mehr als .

 

.. März: Immer mehr Theater und Konzerthäuser stellen den Spielbetrieb ein. Die Fußball-Bundesliga pausiert.

 

. März: An den Grenzen zu Frankreich, Österreich, Luxemburg, Dänemark und der Schweiz gibt es Kontrollen und Einreiseverbote. In den meisten Bundesländern sind Schulen und Kitas geschlossen.

 

. März: Verbot von Ansammlungen von mehr als zwei Menschen. Ausgenommen sind Angehörige, die im eigenen Haushalt leben. Cafés, Kneipen, Restaurants, aber auch Friseure zum Beispiel schließen.

 

. April: Auf eine schrittweise Aufnahme des Schulbetriebs ab . Mai verständigen sich Kanzlerin Angela Merkel CDU und die Länderchefs.

 

. April: Geschäfte unter Quadratmetern Fläche dürfen wieder öffnen. Als erstes Bundesland führt Sachsen die Maskenpflicht für ÖPNV und Einzelhandel ein. Alle anderen ziehen nach.

 

. April: Für Firmen, Arbeitnehmer und Gastronomie werden milliardenschwere Hilfen beschlossen.

 

. Mai: Die Länder bekommen weitgehende Verantwortung für die Lockerung von Beschränkungen - etwa für Hotels, Gastronomie, Fahrschulen, Schwimmbäder und Fitnessstudios.

 

. Mai: Sachsen-Anhalt registriert als erstes Bundesland seit Ausbruch der Pandemie keine Neuinfektionen im Vergleich zum Vortag. Die Fußball-Bundesliga legt wieder los - ohne Fans in den Stadien.

 

. Juni: Im Kampf gegen das Virus geht eine staatliche Warn-App an den Start. Sie soll dabei helfen, Infektionen nachzuverfolgen. 

 

. August: Etwa . Menschen protestieren in Berlin gegen die Corona-Maßnahmen. Demonstranten durchbrechen die Absperrung vor dem Reichstag und stürmen auf die Treppe.

 

. September: Angesichts wieder steigender Infektionszahlen fordert die Kanzlerin zum Durchhalten auf. Wir riskieren gerade alles, was wir in den letzten Monaten erreicht haben , sagt Merkel im Bundestag.

 

.. Oktober: Die Bundesländer beschließen ein Beherbergungsverbot für Urlauber aus inländischen Risikogebieten. 

 

. Oktober: Die Zahl der Neuinfektionen binnen eines Tages hat erstmals den Wert von . überschritten. Das Robert Koch-Institut RKI macht vor allem private Treffen dafür verantwortlich.

 

. November: Ein Teil-Lockdown mit Einschränkungen bei Kontakten und Freizeitaktivitäten soll die zweite Infektionswelle brechen.

 

. November: Als erste westliche Hersteller veröffentlichen Biontech und der US-Pharmakonzern Pfizer vielversprechende Ergebnisse einer für die Zulassung ihres Corona-Impfstoffs entscheidenden Studie.

 

. November: Unter dem Protest Tausender in Berlin machen Bundestag und Bundesrat den Weg für Änderungen im Infektionsschutzgesetz frei.

 

. November: Die Beschränkungen für persönliche Kontakte werden für weitere Wochen verschärft. Darauf verständigen sich Bund und Länder.

 

. November: Die Zahl der nachgewiesenen Infektionen in Deutschland hat nach RKI-Daten die Millionenmarke überschritten. 

 

. Dezember: Als erstes Land der Welt erteilt Großbritannien dem Impfstoff von Biontech und Pfizer eine Notfallzulassung und startet seine Impfkampagne wenige Tage später. 

 

. Dezember: Der seit November geltende Teil-Lockdown reicht nicht aus. Der Einzelhandel muss mit wenigen Ausnahmen schließen.

 

. Dezember: Die Zahl der binnen eines Tages gemeldeten Infektionen in Deutschland ist erstmals auf mehr als . gestiegen.

 

. Dezember: Zum Schutz vor einer infektiöseren Virus-Variante dürfen keine Passagierflugzeuge aus Großbritannien mehr in Deutschland landen. Der Corona-Impfstoff von Biontech erhält von Brüssel die bedingte Marktzulassung. Somit können die Impfungen in der EU beginnen. Am . Januar wird auch der von Moderna zugelassen.

 

. Dezember: Heiligabend im Zeichen der Pandemie. Familienfeiern sollen klein bleiben, Christmetten wenn überhaupt nur auf Abstand stattfinden. Zudem wird die in Großbritannien aufgetretene Variante des Coronavirus erstmals auch in Deutschland nachgewiesen.

 

. Dezember: Einen Tag vor dem offiziellen Impfstart werden in einem Seniorenzentrum in Sachsen-Anhalt eine Jahre alte Frau und etwa weitere Bewohner geimpft. 

 

. Dezember: In allen Bundesländern beginnen die Impfungen. Zuerst sollen Menschen über , Pflegeheimbewohner sowie Pflegekräfte und besonders gefährdetes Krankenhauspersonal immunisiert werden.

 

. Januar : Deutschland kommt vergleichsweise ruhig ins neue Jahr. Der Verkauf von Silvesterfeuerwerk war verboten. 

 

. Januar: Das Statistische Bundesamt schätzt, dass die deutsche Wirtschaftsleistung im Vergleich zum Vorjahr um , Prozent eingebrochen ist.

 

. Januar: Mehr als zwei Millionen Corona-Fälle sind hierzulande bekannt geworden, knapp . Menschen sind an oder unter Beteiligung einer nachgewiesenen Sars-CoV--Infektion gestorben.

 

. Januar: Bund und Länder verlängern den Lockdown bis Mitte Februar. Zudem werden die besser schützenden FFP-Masken oder OP-Masken in Bus und Bahn sowie beim Einkaufen obligatorisch.

 

. Januar: Mehr als , Millionen Menschen haben in Deutschland bereits ihre erste Corona-Impfung erhalten, etwa . auch schon die zweite. dpa

 

Was raten Sie Unternehmern, um die Kreativität ihrer Beschäftigten zu fördern? Und auch den Beschäftigten selbst? In normalen Zeiten, aber auch nun unter Lockdown-Bedingungen?

 

Holm-Hadulla: Einen gesunden Arbeitsstil mit sinnvollen Ritualen wie Arbeitszeit, einer der Tätigkeit angemessene Mischung aus individueller und Teamarbeit, eine geeignete räumliche Umgebung und produktive Pausen mit viel Bewegung. Auch eine kreative Freizeitgestaltung trägt zum Arbeitserfolg bei. Und schließlich ist es besonders wichtig, die verbliebenen persönlichen Kontakte achtsam zu pflegen. Studien zeigen, dass man Kreativität durch gezielte Aktivitäten, Achtsamkeit und Training von Widerstandsfähigkeit fördern kann. Überhaupt ist Kreativität kein Luxus, sondern auch im Alltag ein Lebenselixier. In der Wirtschaft ist die Bereitschaft zur Erschaffung neuer und brauchbarer Lösungen bei der Entwicklung, Ausgestaltung und Vermarktung ein Wettbewerbsvorteil.

 

Ist es essenziell, dass wir bald möglichst wieder aus der Homeoffice-Situation verabschieden? Oder wäre es angesichts einer sich ohnehin verändernden Arbeitswelt vielmehr an der Zeit, gerade jetzt Modelle für ein möglichst kreatives Miteinander in räumlicher Ferne zu entwickeln und einzuüben?

 

Holm-Hadulla: Natürlich eröffnet das Homeoffice in vielen Bereichen Freiräume. Dabei sind Modelle von großer Bedeutung, wie man diese Freiräume den Tätigkeiten entsprechend produktiv und kreativ gestalten kann. Aber die kreativitätsfördernden Pausen mit informellen Gesprächen am Kaffeeautomaten oder in der Kantine sind für viele nicht zu ersetzen. Letztlich ist es auch eine kreative Aufgabe, ein gutes Gleichgewicht zwischen individuellen Freiräumen und betrieblichen Strukturen zu finden. Dabei kann Coaching durch erfahrene Experten sehr hilfreich sein.

 

Zur Person: Prof. Rainer M. Holm-Hadulla ist Kreativitätsforscher. Der -jährige Mediziner und Psychoanalytiker lehrt an der Universität Heidelberg und leitet das Heidelberger Institut für Coaching hic. Von ihm erschienen sind unter anderem die Bücher „Kreativität – Konzept und Lebensstil“ und „Kreativität zwischen Schöpfung und Zerstörung“ jeweils im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht.

 

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