Wie in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen hat die Corona-Pandemie im Jahr auf das Musikleben in Deutschland tiefgreifende Auswirkungen gehabt. In seinem Jahresrückblick erinnert Patrick Hahn an das, was dennoch in der Klassischen, Neuen und Alten Musik stattgefunden hat, blickt auf neue Initiativen und fragt nach Perspektiven für das Musikleben angesichts gegenwärtiger Unsicherheiten.

 

Eine der wichtigsten Differenzierungen, um dieses an tiefgreifenden Veränderungen und Einschnitten reiche Jahr emotional zu bestehen, lieferte der Bariton Georg Nigl im April. Der erste „Lockdown“ war bereits sechs Wochen alt und „Social distancing“ keine Unhöflichkeit mehr, sondern ein Gebot der Nächstenliebe. „Ich will mich nicht sozial distanzieren, auch wenn der Abstand gerade verordnet ist“, verriet Nigl dem VAN-Magazin. „Das, was uns Menschen und unsere Kunst ausmacht, ist doch, dass wir miteinander umgehen. Daher empfinde ich social distancing komplett falsch gedacht. Physical distancing träfe es eher.“ Das physische Abstandsgebot hat das öffentliche Musikleben ab dem . März zunächst vollständig zum Erliegen gebracht. Das Kölner Gürzenich-Orchester übertrug auf seiner Website am selben Abend das erste „Geisterkonzert“ des Jahres und wer hätte damals gedacht, dass das gespenstische Gähnen leerer Säle zur Kulisse dieses Jahres werden würde.

 

Nicht Arien, sondern Aerosole wurden zum Diskussionsthema Nummer eins der Musikszene, die sich sowohl virologisch als auch aerodynamisch weiter bildete, um sich langsam wieder an ein Musizieren unter pandemischen Bedingungen heranzutasten: Wie viel Abstand ist konkret nötig, um „sicher“ gemeinsam Musik zu machen? Die Berliner Philharmoniker durchbrachen als erste den Bann, ihr Europakonzert am . Mai zeigte den Weg auf, den seither viele Veranstalter gegangen sind: mit kleiner besetzten Werken, mit Musiker*innen auf Abstand, ohne Publikum. Es war befreiend und bedrückend zugleich. Sollte das die Zukunft sein?

 

Der Sommer ließ zunächst aufatmen: Die Salzburger Festspiele überraschten nicht nur mit Così fan tutte in einer berückenden Aufführung unter der Dirigentin Joanna Mallwitz, sie erschütterten auch mit einer starken Neuproduktion von Elektra. Während Salzburg dank einer ausgeklügelten – und äußerst kostspieligen – Teststrategie sein jähriges Jubiläum vor einem im Schachbrettmuster verteilten Publikum auf Seite der Ausführenden fast wie in vorpandemischen Zeiten begingen und die Wiener Philharmoniker dicht an dicht im Orchestergraben musizierten, wurden die Bayreuther Festspiele zum ersten Mal außerhalb von Kriegszeiten abgesagt. Der Tenor Stefan Vinke feierte daraufhin seine eigenen Wagner Festspiele im Garten, zwischen Planschbecken und Hasenstall, das Defilee am Roten Teppich entfiel. Dafür durfte Komponist Simon Steen-Andersen im leerstehenden Festspielhaus einen rasanten Parkourlauf inszenieren, der ihn in einer akustischen „Kettenreaktion“ von der Unterbühne bis aufs Dach des Hauses führte: The Loop of the Nibelung.

 

hätte das große Festjahr zu Ehren von Ludwig van Beethoven werden sollen. Zum . Mal jährt sich sein Geburtstag im Dezember und Institutionen jeden Zuschnitts hatten sich der Feier dieses Komponisten verschrieben, eine eigens gegründete Festgesellschaft unterstützte die Feierlichkeiten mit Bundesmitteln als „nationale Aufgabe“. Noch manches Interessante war da zu Jahresbeginn zu erleben, wie die Rekonstruktion des Akademie-Konzertes von , in dem Thomas Hengelbrock mit dem Balthasar-Neumann-Ensemble und dem Balthasar-Neumann-Chor den historischen Augenblick wieder auferstehen ließ, in dem Beethovens Fünfte und Sechste Sinfonie neben vielen weiteren Novitäten das Licht der Welt erblickten. Am anderen Ende des Feierspektrum setzten Häuser wie die Kölner Philharmonie darauf, die Innovationskraft des Jubilars zu würdigen, indem sie Komponist*innen beauftragte, neue Werke zum non bthvn projekt beizutragen. Die meisten dieser Novitäten harren freilich pandemiebedingt noch ihrer Premiere – das Beethovenjahr geht in die Verlängerung. Zu Beethovens Tauftag am . Dezember gab es keine Konzerte, es dudeln Google Arts und YouTube eine „Global Ode to Joy“.

 

Um den physischen Abstand zu überwinden und soziale Nähe wenigstens medial aufrecht zu erhalten, hat die klassische Musikwelt einen Digitalisierungsschub erfahren. Als Virtuose auf der Klaviatur der sozialen Medien erwies sich dabei Pianist Igor Levit, der sich mit stetig wachsender Fangemeinde von seinem Wohnzimmer aus „verströmte“: „Da ist eine Unmittelbarkeit und eine Form von Leichtigkeit und Nähe zu den Hörerinnen und Hörern entstanden, die ganz neu für mich ist“, berichtete Levit der Klimaschutzaktivistin Luise Neubauer. „Das ist absolut unvergleichlich, weil etwas passiert ist, wovon ich jahrelang geträumt habe: zu erleben, dass die Geschichte sich weitet. Die erzählte Geschichte wurde ergänzt durch die Publikumsseite. Plötzlich war es wichtig: Wer sitzt da, weshalb, wie viele, warum, was macht das mit euch? Da gab es wirklich ein Gefühl der Partizipation, das habe ich so noch nie erlebt.“ Große Opernhäuser, ja, selbst Plattenfirmen wie die Deutsche Grammophon und Rundfunkanstalten schlossen im „Lockdown“ ihre Archive auf und ermöglichten es Aficionados, vom Wohnzimmersessel aus in die Oper zu gehen.

 

Musiker*innen aller Altersklassen und Szenen erkundeten ihre Videoschnittprogramme – mit wechselndem Erfolg, nicht alle Ergebnisse waren so brilliant wie das Quarantificat des Mozarteum-Orchesters Salzburg und Riccardo Minasi –, selbst die Musikworkshops wechselten ins Internet, wie das Beispiel des Alte Musik-Ensembles Capella della Torre beweist: Per Videokonferenz abgehaltene Chorproben trotzten den Verzögerungen der Technik und die ersten Komponist*innen machen sich die Eigenheiten dieses Mediums bereits zunutze, wie der Komponist Francesco Filidei in seinem Stück questo è tutto. Wieder andere, wie Alexander Schubert, entwickelten eine soziale Simulation: Im „virtuellen Real Life-Computerspiel“ Genesis konnte das Publikum sieben Tage lang daran mitwirken, eine kleine Welt in einer leerstehenden Industriehalle zu gestalten, indem es die für den Zeitraum darin lebenden Musiker*innen als Avatare steuerte – oder ihnen dabei zuschaute. Aber nicht nur die Neue Musik-Szene wartete mit innovativen Lösungen auf.

 

Eines der bewegendsten Konzertereignisse des Jahres gestaltete das Bachfest Leipzig: ein Trio um den isländischen Tenor Benedikt Kristjánsson gestaltete Bachs Passionserzählung in einer idiosynkratischen Fassung für Tenor, Schlagzeug, Cembalo und Orgel. Die Choräle wurden aus der gesamten Welt zugespielt, wo sich die Bach-Community virtuell um das Grab des Komponisten in der Leipziger Thomaskirche scharte. Neben dieser beispielhaften Erfahrung, Musikerlebnisse auch auf neuen medialen Wegen zu teilen, bleiben von diesem Jahr jedoch nicht zuletzt die Bilder und Situationen in Erinnerung, wie sie Musiker*innen ausgehend von Volkenroda und Stuttgart inzwischen in ganz Deutschland geschaffen haben: : treffen sich Musizierende und Zuhörende für ein zehnminütiges Konzert im sicheren Abstand von zehn Metern. Die Erlöse kommen dem Nothilfefonds der Deutschen Orchesterstiftung zugute. Die gesammelten Spenden sind ein Tropfen auf den heißen Stein: Niemand hat unter den gegenwärtigen Einschränkungen so sehr zu leiden wie freiberufliche Musiker*innen. Die aufgelegten Hilfsprogramme für Selbständige gehen an den Notwendigkeiten von Künstler*innen meist vorbei und angesichts der existenziellen Bedeutung, welche die fortwährenden Einschränkungen nun haben, fordert Konzertgestalter Folkert Uhde einen „New Deal für die Kultur“: „Selbstbewusst und selbstkritisch, offen für Neues. Dafür müssen wir die Fassaden abnehmen und uns trauen, dahinter zu schauen.“

 

Die Tendenz der Corona-Krise, vorhandene Probleme wie ein Brennspiegel zu verstärken, sie macht sich auch in der Musikszene bemerkbar, wo die Debatte um Relevanz nun mit anderer Dringlichkeit geführt wird. Sie geht einher mit dem wachsenden Bewusstsein für eine Pluralisierung des Kulturbegriffs: Die Frage, ob es an der Zeit wäre, die Klassische Musik zu „dekolonialisieren“, hat das Goethe-Institut auf einer Tagung im Berliner Radialsystem zur Diskussion gestellt, die Symposien Curating Diversity in Europe der Akademie der Künste Berlin und Afro-Modernism in Contemporary Music des Ensemble Modern weiteten die Perspektive auf ihre Weise.

 

Mit dem Entscheid von Bundesregierung und Ministerpräsidenten, den Lockdown mindestens bis zum . Januar auszuweiten und zu verschärfen, sind die Hoffnungen auf einen versöhnlichen Jahresabschluss bei Künstler*innen und Veranstaltern endgültig geschwunden. Neben den tiefergehenden emotionalen und wirtschaftlichen Zerrüttungen, die mit diesem zweiten Lockdown einhergehen, lassen sich jedoch auch neue Tendenzen ausmachen. Die Online-Formate, mit denen die Szenen aufwarten, sind zunehmend stärker auf die Möglichkeiten des Mediums zugeschnitten, mehr und einfachere Bezahlangebote suchen nach Wegen, die kostbaren aber bislang meist kostenlosen Digital-Angebote zu monetarisieren.

 

Es ist durchaus wahrscheinlich, dass die Online-Bühne eine Tendenz verstärkt, die auch im Konzertleben in den vergangenen Monaten zu beobachten war: Genregrenzen werden fließender, Kontrastdramaturgien von alt und neu treten an die Stelle puristischer special interest-Veranstaltungen, neue Mischformen entstehen. „Sortenreine“ Veranstaltungen, wie der jüngst – natürlich online – gefeierte Vierzigste des Ensemble Modern werden seltener. Wenn beispielsweise das Staatsorchester Stuttgart seinen Konzertstream gemeinsam mit städtischen Pop- und Elektronikgrößen zu einem szene-übergreifenden Event entwickelt, scheinen nicht nur neue solidarische, sondern auch ästhetische „Links“ auf. The show must go online.

 

Patrick Hahn, geboren , ist Dramaturg, Autor und Musikmanager. Als Künstlerischer Programmplaner ist er seit für das Gürzenich-Orchester Köln tätig. Daneben schreibt er Worte für Musik in Zusammenarbeit mit Komponisten wie Mark André oder Vito Zuraj. In Vorträgen und Artikeln auch Worte über Musik.