Berlin dpa - Für Konzertfans war es ein Horrorjahr: Als die Corona-Pandemie im FebruarMärz voll durchschlug, war sofort Schluss mit Live-Musik. Mitschnitte von The War On Drugs, The Postal Service und Hiss Golden Messenger können dabei helfen, die Zeit bis zu den nächsen echten Gigs etwas besser zu überbrücken.

 

Ob diese fantastischen Live-Musiker um den US-Sänger, Songwriter und Gitarristen Adam Granduciel überhaupt auf Tournee gegangen wären, ist eher zweifelhaft. Immerhin stand nach sechs aufregenden, stressigen Erfolgsjahren der gegründeten Truppe aus Philadelphia kein neues Studioalbum in den Startlöchern, das man hätte promoten können. »A Deeper Understanding« und die Durchbruchsplatte »Lost In The Dream« sind schon ein bisschen älter.

 

Umso schöner, dass es »Live Drugs« Super High Quality RecordsCargo gibt. Zusammengestellt aus dem Material von über mitgeschnittenen Shows seit , bietet die über -minütige Platte den bestmöglichen Eindruck der Urgewalt eines Gigs von The War On Drugs. Ihre zwischen Bruce Springsteen, Tom Petty, Dire Straits, Neil Young und Bob Dylan angesiedelten Americana-Klanggemälde sind besonders in mittelgroßen Hallen ungeheuer faszinierend, und Granduciels helle, nasale, oft euphorisch aufjubelnde Stimme geht tief unter die Haut.

 

Die zehn Tracks umfassende Setlist konzentriert sich auf die beiden jüngsten Alben, mit einem Schwerpunkt auf dem »...Dream«-Meisterwerk mit allein fünf Songs. Die Reihenfolge der Titel sollte »dem typischen Flow eines Auftritts« entsprechen, so dass ruhige Passagen und gewaltige Gitarrensoli einander immer wieder abwechseln.

 

Vom er Studiodebüt hat es »Buenos Aires Beach« auf »Live Drugs« geschafft. Zudem gibt es eine wunderbare Coverversion von Warren Zevons »Accidentally Like A Martyr«, einem Lied, das Granduciel als Kenner der Rock-Historie sehr bewundert. Während der Fan-Favoriten »Under The Pressure« und »In Reverse« hört man am Schluss eine zu Recht enthusiasmierte Menge. So schön kann Live-Musik auch auf Tonträgerkonserve sein.

 

»Es hat etwas Kathartisches, dies nun alles auf Platte gepresst zu haben«, sagt der Bandleader, der seit mit der bekannten Serien-Schauspielerin Krysten Ritter »Breaking Bad«, »Marvel s Jessica Jones« verheiratet ist und mit ihr einen Sohn hat. »Auch wenn der Mitschnitt von nur einem Tour-Jahr stammt, zeigt er doch, wie sechs Jungs sich zwischen und als Band entwickelt haben.«

 

Mit einem langgezogenen »Hiiiii!!!« begrüßte Benjamin Gibbard Death Cab For Cutie die jubelnden Zuschauer vor sieben Jahren bei einem der Reunion-Konzerte von The Postal Service. Das Bandprojekt des Indiepop-Sängers und des Elektronik-Nerds Jimmy Tamborello Dntel hatte sich für Live-Auftritte und womöglich auch für ein künftiges zweites gemeinsames Album wieder zusammengerauft. Nun gibt es den Mitschnitt »Everything Will Change« erstmals digital über das Kult-Label Sub Pop.

 

Die Tracks umfassende Setlist enthält Indietronica-Lieblingslieder wie »Such Great Heights«, »The District Sleeps Alone Tonight«, »Sleeping In« und »Natural Anthem«. Außerdem sind ein Cover von Beat Happenings »Our Secret« and eine Live-Fassung von Dntels »This Is The Dream of Evan and Chan« zu hören - aufgeführt im Greek Theatre in BerkeleyKalifornien.

 

Zusammen mit Jenny Lewis von der Band Rilo Kiley hatten The Postal Service ihr einziges Studioalbum »Give Up« herausgebracht - ein Kultklassiker der Nuller-Jahre, der sich sensationelle eine Million Mal verkaufte. Wenige Verehrer hatten jedoch die Möglichkeit, das Projekt live zu sehen, ehe es - zum Zehnjährigen von »Give Up« - neben einer erweiterten Fassung der Platte auch mehrere Gigs gab.

 

Die nun erschienene Live-Kompilation geht auf einen Konzertfilm von zurück - und ist fabelhaft, wenn man den Mix aus hochmelodischem Softie-Pop und pluckernden, zischenden Elektro-Rhythmen mag. »We are The Postal Service - from nowhere...«, ruft Gibbard. Seine bittersüß-hauchzarte Musik ist manchen Songs der Pet Shop Boys überraschend ähnlich, ohne deren smarte Ironie zu erreichen. Dieses Anfang Dezember angebotene Live-Album ist in jedem Fall eine sehr willkommene Überraschung.

 

Mit seinem Album »Terms Of Surrender« Merge wurde Mike »MC« Taylor, Sänger, Songwriter und Gitarrist des gestarteten Bandprojekts Hiss Golden Messenger, kürzlich erstmals in seiner langen Karriere als Nischen-Act für den Grammy nominiert. In der Rubrik »Americana« - und das trifft es ganz gut.

 

Denn dieser Musiker macht schon seit den ern grandios uramerikanische Musik: Folk, Country-Rock, Swamp-Blues, Bluegrass, Gospel - und in den vergangenen Jahren immer öfter Südstaaten-Soul. Irgendwo zwischen Bob Dylan und The Band, den Byrds und Otis Redding, um mal einige Richtgrößen zu nennen.

 

All dies ist nun auch auf zwei Live-Alben zu hören, die Taylor mit Hiss Golden Messenger auf Bandcamp veröffentlichte - nicht nur zur Freude einer stetig wachsenden Fan-Gemeinde, sondern noch dazu für einen karitativen Zweck: Die Download-Einnahmen kommen dem öffentlichen Bildungswesen in Taylors Heimatstadt DurhamNorth Carolina zugute - für Taylor ein Herzensanliegen.

 

»Forward, Children«, eine Aufnahme vom . Januar , und »School Daze«, ein Mitschnitt von , sind fabelhaft: Die Band und ihr Frontmann in Hochform, der Sound funky und authentisch, die Stimmung in den Clubs hervorragend. Insgesamt Live-Tracks enthalten die beiden Angebote, Überschneidungen gibt es nicht - diese Band hat ein riesiges Konzert-Repertoire.

 

Sollten Hiss Golden Messenger nächstes Jahr tatsächlich den Americana-Grammy gewinnen gegen starke Konkurrenz von Courtney Marie Andrews, Sarah Jarosz, Marcus King und Lucinda Williams, dann wird sich wohl noch mehr Interesse für Taylors Bandcamp-Aktivitäten einstellen. Zu wünschen wäre ihm beides.