Die Lehrkräfte der Sonderpädagogischen Schulen haben einen Brief an die Kultusministerin des Landes Baden-Württemberg, Susanne Eisenmann, geschrieben. Darin fordern sie unter anderem eine Schutzausrüstung für die Lehrkräfte an sonderpädagogischen Bildungszentren. Wie Rainer Brandner, Leiter der Weiherschule in Hechingen, die Corona-Lage bewertet, lesen Sie in unserem SB+Artikel.

 

Zollernalbkreis - Rainer Brandner, Leiter der Weiherschule in Hechingen, hat die Online-Petition mit unterzeichnet und nimmt Stellung dazu.

 

Hat es schon eine Reaktion auf das Schreiben an die Kultusministerin Susanne Eisenmann gegeben?

 

Inwieweit ist es möglich, bei kompletten Schulbetrieb mit Vollbesetzung die Kontakte dennoch auf ein Minimum zu reduzieren?

 

Wir fahren ein strenges Hygienekonzept und bilden Kohorten. Damit kommen wir auf eine absolute Zahl von Schülern, die in einem Bereich unterrichtet werden. Zudem haben wir es geschafft, dass immer die gleichen Lehrer die Kinder unterrichten. Entscheidend ist auch, dass der Transport der Schüler in Kohorten organisiert ist. Da ist dem Verkehrsamt des Zollernalbkreises zu danken. Das funktioniert und greift. Bislang hat es keine Ansteckung in der Schule gegeben. Wir haben ein gutes Konzept.

 

Wäre es überhaupt möglich für die Eltern angesichts der besonderen Belastungen, die Kinder von zu Hause aus zu betreuen, das diese Jungen und Mädchen keine Minute allein und unbeaufsichtigt sein dürfen?

 

Das wäre aus meiner Sicht schon machbar. Allerdings haben wir auch Schüler, die können nicht lesen und schreiben, manche nicht reden – dann ist es schwer, einen Fernunterricht anzubieten, vor allem, wenn auch die Eltern das nicht leisten können. Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust: Es ist wichtig, dass die Schüler vor Ort sind, solche sozialen Kontakte sind unverzichtbar. Gleichzeitig treibt mich die Sorge für die Gesundheit der Kinder und Kollegen um.

 

Das Lernen in den sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren mit den Förderschwerpunkten geistig und körperlich-motorische Entwicklung findet mit allen Sinnen statt. Kommunikation ist häufig nur über Mimik und Körpersprache möglich. Ist da Fernunterricht überhaupt machbar?

 

Wechselunterricht ist möglich, also, dass wir die Klassen teilen und einen Teil hier vor Ort unterrichten und den anderen Teil per Video dazu schalten. Und alle zwei Wochen wird gewechselt. Wir haben derzeit bereits Eltern, die ihre Kinder nicht mehr in die Schule schicken. Hier hätten wir uns mehr Gestaltungsspielraum gewünscht.

 

Im Schreiben an Kultusministerin Eisenmann wird betont, dass es fast unmöglich sei, die Hygieneregeln einzuhalten, wenn gewickelt, Essen gereicht, an- und ausgezogen werden muss. Wie sehen Sie das als Schulleiter?

 

Der Unterricht an unserer Schulart ist sehr handlungsorientiert und lebenspraktisch. Das heißt, meine Kolleginnen und Kollegen sind, auch vor der Corona-Pandemie schon, immer sehr nahe an den Schülerinnen und Schülern dran. Ohne diese Nähe kann ich keinen befriedigenden Unterricht machen. Das ist das Dilemma, in dem wir stecken. Wir können den Abstand tatsächlich nicht einhalten. Manche Schüler muss ich an die Hand nehmen, per Handführung etwas gemeinsam gestalten, etwa etwas auszuschneiden.

 

Moniert wird, dass keine entsprechende Schutzausrüstung zur Verfügung steht, während auch der Unterricht an vielen Stellen die direkte, körperliche Zuwendung erfordert, etwa weil Tätigkeiten geschehen, bei denen die Lehrkräfte die Hand des Schülers führen. Gäbe es da Lösungen?

 

Wir hatten hier im Büro eine solche Schutzkleidung, jetzt ist sie irgendwo im Keller. Das ist einfach nicht praktikabel. Wir müssten den Großteil des Tages mit Schutzkleidung den Unterricht bestreiten und das halte ich für übertrieben. Wir haben insgesamt FFP-Masken geliefert bekommen, die nutzen wir, wir lüften, waschen die Hände und halten, soweit es geht, Abstand. Ab der Hauptstufe tragen die Schüler Masken, und wir haben noch eine Hofpause eingeschoben, damit alle Schülerinnen und Schüler noch einmal draußen sein können auf Abstand und ohne Maske. Aber es ist mir sehr bewusst, dass die Lehrer die Distanz nicht regelmäßig einhalten können.

 

Viele der Schülerinnen und Schüler können keine Maske tragen. Abstände sind nicht einzuhalten – auch in den Klassenzimmern nicht. Sind also sonderpädagogische Bildungszentren ein potenzieller Infektionsherd?

 

Ich glaube nicht, dass wir ein potenzieller Infektionsherd sind. Die Erfahrung sagt etwas anderes. Corona-Infektionen wurden von außen in die Schule getragen, Innerhalb der Kohorten gab es keine weiteren positiven Fälle und keine Symptome.

 

An der Weiherschule sind also Kohorten gebildet – sprich konstante Gruppenzusammensetzungen? Gibt es getrennte Pausen- und Essenszeiten? Werden Lehrer möglichst nur in einer Klasse eingesetzt?

 

Im Schulbus sitzen die Kinder dann aber wieder alle zusammen. Sind da bessere Lösungen in Aussicht?

 

Wir haben diese Lösung. Das Verkehrsamt hat die Anzahl der Fahrten erhöht. Die Kinder werden nach ihren jeweiligen Lernwelten gemeinsam transportiert. Damit sind wir im Schulamtsbezirk Albstadt-Sigmaringen die einzige Schule, die das so realisiert hat.

 

Schüler und Schülerinnen Ihrer Schule gehören zur Risikogruppe. Nicht wenige haben Vorerkrankungen. Sie müssten also ganz besonders vor Corona geschützt werden?

 

Ja, das müssten sie, aber ich kann sie an der Schule nicht besonders schützen. Wir können hier nur das Hygienekonzept anbieten. Ansonsten sind die Eltern verantwortlich. Wenn ihnen ein Schulbesuch zu gefährlich erscheint, dann müssen sie ihre Kinder zu Hause lassen und die Möglichkeit des Fernunterrichts in Anspruch nehmen. Das ist ein heikles Thema. Es ist richtig, dass unsere Schüler in der Impfreihenfolge relativ weit vorne stehen, an zweiter Stelle. Das nutzt aber wenig, wenn nicht auch die Lehrerinnen und Lehrer durchgeimpft werden. Sie sollten also auch früher geimpft werden.

 

Wie sieht die Stimmung in Ihrem Lehrerkollegium aus? Besteht die permanente Sorge, sich in der Schule mit dem Virus zu infizieren oder andere anzustecken?

 

Ja natürlich. Wir waren alle richtig überrascht, dass die sonderpädagogischen Schulen offen bleiben. Das hat zu großen und heißen Diskussionen geführt. Alle leisten an unsere Schule trotz der Bedenken vieler – mit einem schlechten Bauchgefühl – ihre Arbeit zuverlässig und gewissenhaft.

 

In dem Schreiben an die Kultusministerin werden Konzepte gefordert. Wie sollten solche Konzepte aussehen – Stichwort: Schutzausrüstung, Schnelltests, Schülerbeförderung in Kohorten, Wechselunterricht, Impftermine für Schüler und Lehrer?

 

Die Impftermine für die Lehrer sind sehr, sehr wichtig. Wenn alle durchgeimpft sind, haben wir eine Sorge weniger. Bei den Schnelltests sind wird dran. Zwei Kolleginnen gehen auf Schulung und dürfen dann diese Schnelltests in der Schule vornehmen. Das gibt noch mehr Sicherheit. Unser Schulträger, das Landratsamt Zollernalbkreis, stellt uns solche Tests zur Verfügung, die wir bei Bedarf jederzeit abrufen können. Mittelfristig brauchen wir die klare Perspektive und Aussage, dass wir Präsenzunterricht machen sollen. Das schafft Planungssicherheit. Gleichzeitig benötigen wir mehr Handlungsspielraum, um bei jedem Schüler individuell darauf schauen zu dürfen, ob für ihn Fernunterricht leistbar ist und er und sein Elternhaus diesen auch leisten können.