Tanja Kriebel und Wenzel Taraba sind Partner, privat und beruflich. In Trier entwerfen sie Mode, die man nicht anzieht, sondern trägt.

 

Modedesigner in Trier: Wenzel Taraba und Tanja Kriebel zu Hause Foto: Clemens Sarholz

 

Tanja Kriebel und Wenzel Taraba leben in Trier und entwerfen Mode. Er spricht gern laut und sie hat einmal einen Raben großgezogen.

 

Draußen: In der Bruchhausenstraße reichen die Baumkronen bis an die Giebel der klassizistischen Häuser. In einem leben Wenzel Taraba und Tanja Kriebel. „Seit ich in Trier lebe, wohne ich in dieser Straße“, sagt Taraba, „nur die Hausnummern haben sich geändert“.

 

Drinnen: Ein Stuhl, den Marcel Breuer entwarf, steht im Zimmer. Dasselbe Modell hängt an der Wand als Kleiderstange. Taraba bietet Kaffee an, Kriebel holt einen Beistelltisch. Auch ein Designerstück. Im Hintergrund läuft Jazzmusik.

 

Alter: Wer nach dem Alter der beiden fragt, kriegt erst mal keine Antwort. „Das ist keine Kategorie, in der wir denken“, sagt Tanja Kriebel, und Wenzel Taraba fügt nach einigem Zögern hinzu: „Jahrgang .“ Wer dagegen fragt, was Mode ist, steckt sofort mitten in einem Gespräch: „Der Spiegel des Zeitgeistes“, „Kommunikation“, „Ausdruck gesellschaftlicher Bedürfnisse“, „Ausdruck der persönlichen Haltung“.

 

Kriebels Maske: Besser man versucht die Annäherung an ihr Metier nicht vom Großen aus, sondern vom Detail. Tanja Kriebels Coronamaske etwa: eine Strickmütze mit integriertem Mundschutz. „Die hab ich schon vor Jahren entworfen.“ Vor allem in Japan hat Kriebel sie verkauft, dort trage man einen Mundschutz nicht erst seit Corona.

 

International: Damals hatte Kriebel auch einen Termin beim Chef der Düsseldorfer Modeagentur Klauser. Anfangs schien er genervt, habe in ihr eine hartnäckig Übermotivierte vermutet, „aber mit jeder Sekunde, die er die Kollektion betrachtete, hellte sich seine Miene weiter auf“. Schließlich nahm die Agentur Kriebel auf. So begann ihr internationales Geschäft.

 

Aufwachsen: Kriebel wuchs in einem Dorf bei Siegen auf, zwischen Frankfurt und Köln, und war häufig allein, weil ihre Eltern arbeiteten und das Haus abgelegen lag. „Das hatte den Vorteil, dass ich in keine Formen gepresst wurde.“ Ihre Mutter habe ihr Stifte gegeben. Damit sei sie zufrieden gewesen. In ihrem Bauwagen, finanziert vom Taschengeld, zeichnete sie, schrieb Texte und Gedichte. Keiner habe ihr gesagt: „Das geht nicht“ oder „so macht man das nicht“. Also sei sie davon ausgegangen, alles sei machbar.

 

In der Bruchhausenstraße hatte Wenzel Taraba schon verschiedene Wohnungen Foto: Clemens Sarholz

 

Das Machbare: Die Ausbildung zur Schneiderin hat sie mit Jahren begonnen. Danach ging sie auf eine Modefachschule in Köln und studierte später Modedesign in Trier und Madrid.

 

Der Schockverliebte: In Trier lernten sich Kriebel und ihr Mann Wenzel Taraba kennen. Kriebel lief auf einer Modenschau und Taraba sei sofort „schockverliebt“ gewesen. Er glaubte aber, sie sei vergeben. „Selbst wenn es sich altmodisch anhört: Ich würde in tausend Jahren nicht versuchen, mich irgendwie in eine Beziehung einzumischen“, sagt er.

 

Fachlicher Rat: Wenzel Taraba studierte auch Modedesign, war und gehörte zu den Ältesten an der Uni. Eines Tages suchte er fachlichen Rat für Strickmode, sie hatte sich in dem Bereich schon einen Namen gemacht. „Ich sollte meine Mappe mitbringen“, sagt Taraba, „als ob ich mich bei ihr bewerbe.“ Kriebel huscht ein Lächeln über die Lippen. „Er wollte ja was von mir, da wollte ich auch wissen, was er so macht.“

 

Die Begegnung: Sie trafen sich um acht Uhr abends, tauschten sich über Strick- und Herrenmode aus, sprachen über Formen, Schnitte, Verarbeitung und verabschiedeten sich um vier Uhr morgens. Taraba kapierte: Sie ist Single. Kurze Zeit später waren sie ein Paar. „Mir war nach fünf Minuten klar, dass ich so eine Frau schon immer gesucht habe“, sagt Taraba.

 

Wenzel Taraba: Er trägt selbstgefertigte Maßkleidung, Sneaker mit radieschenfarbenen Socken und spricht mit leichtem Akzent, weil er in der Slowakei aufgewachsen ist. „Mit zwei Brüdern und einer Schwester“, sagt er. „Unser Haus war so groß, wir haben immer geschrien, wie auf einem Fußballfeld.“ Lautes und leidenschaftliches Sprechen liebe er.

 

Schneider: Seine Mutter entschied, dass er Schneider werden soll. Die Ausbildung schloss er in der DDR ab. Nach dem Mauerfall lebte er eine Zeit lang in einem Flüchtlingsheim „mit anderen in einem Schlafsaal“. Von dort zog er nach Konstanz, wo er im Theater die Hauptdarsteller kostümierte. Er erzählt von russischen Artisten, mit denen er trank und feierte, und von einem Kollegen, der drei Jobs hatte, um seine Familie zu ernähren, und ein klappriges Damenrad fuhr, aber immer die schönsten Nadelstreifenanzüge trug. Seinen Meister machte Taraba nebenbei. Später studierte er in Trier Mode und bekam danach einen Job bei Hugo Boss.

 

Schnell weg: Aber da war alles „viel zu steif, wie in einem Büro“. Taraba regt sich noch heute darüber auf. Er kündigte, zog zurück nach Trier und stieg in Tanja Kriebels Geschäft ein.

 

Herrenschnitte, Frauenkleider: Während Kriebel sich krea­tiv austobt und auch mal Herrenschnitte für Frauenkleider nutzt, sieht Taraba sich eher als klassischen Herrenschneider. Er sei nicht der Prozent kreative Mensch, „aber der Witz mit der Kreativität ist ja der: Man kann mit Fleiß und Schweiß Prozent von diesen erreichen.“ Nur zwei Prozent seien der Genius. Tanja Kriebel habe den, einfach so. Seine Prozent seien hart erarbeitet, sagt er.

 

Prinzip: Fragt man, was ihre Arbeit ihnen bedeute, sagt Taraba etwas nachdenklich: „Alles im Prinzip. Also mir.“ Und Kriebel ergänzt: „Wenn man für etwas brennt, dann empfindet man es nicht als Stress oder als Arbeit.“ Es gehe darum, Kleidungsstücke zu entwerfen, die die Persönlichkeit unterstreichen.

 

Nackter Po: In Paris habe sie auf einer Party mal ein Kleid getragen, vorne streng und hochgeschlossen, hinten ein Zentimeter breiter Streifen aus schwarzem Seidenorganza, ihr Po war für alle sichtbar. Mit den Augen anderer im Rücken bewege man sich anders, sagt Kriebel, die Haltung müsse den Blicken standhalten. „Wer die Aufmerksamkeit derart auf sich zieht, muss ein gewisses Maß an Selbstsicherheit mitbringen.“

 

Kleid anziehen, Kleid tragen: Ein Kleid anziehen und ein Kleid tragen seien zwei verschiedene Dinge, sagt Kriebel. Wenn eine Kundin komme und ein Kleid anziehe, das sie nicht „ausfüllt“, verkaufe sie es ihr nicht. Das habe auch was mit Verantwortung zu tun.

 

Verantwortung: Kriebel verkauft ihre Kollektionen nicht mehr international. Sie wolle in dieser „Scheinwelt“ nicht mehr mitmachen. „Die Modebranche hat sich selbst überholt. Vier bis sechs Kollektionen im Jahr, die Leute kommen da nicht mehr mit.“ Ohnehin könne man anziehen, was einem gefalle, sagt Taraba. Kriebel glaubt an einen gesellschaftlichen Umbruch. „Man achtet darauf, was man isst, wie Lebensmittel hergestellt werden, wie umweltverträglich etwas ist.“

 

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei und Twitter.

 

Werte und Geschichten: Und was halten die beiden von Billigklamotten? „Das sind die Teile, die als Erstes weggeschmissen werden!“, echauffiert sich Taraba, „zu denen baut man keine Beziehung auf“. Die Modeindustrie gehört zu den klimaschädlichsten Branchen. Deswegen prüfen Wenzel und Taraba die Lieferketten und recherchieren gründlich. „Man will ja auch keine Wolle von Merinoschafen, denen ohne Betäubung die Haut am Hintern weggeschnitten wurde“, sagt Kriebel.

 

Überhaupt Tiere: Ein Shirt mit einem Raben hängt im Raum. Das hat auch eine Geschichte. Kriebel erzählt, sie habe mal einen sehr jungen Raben gefunden. Er lag verletzt am Straßenrand. Sie habe ihn aufgepäppelt, ihm das Fliegen beigebracht. Und dann das Shirt entworfen.