Wenn Sie unter sind, wissen Sie wahrscheinlich ziemlich genau, woran man einen Boomer oder eine Boomerin erkennt – das ist die liebevoll-abfällige Bezeichnung für Menschen, die in den geburtenstarken Jahrgängen Mitte der Fünfziger bis Mitte der Sechziger geboren sind. Und zwar erkennt man sie an der Handhabung ihres Smartphones. Boomerinnen und Boomer nutzen in der Regel den Zeigefinger, die Generationen Y und Z bevorzugen hingegen den Daumen.

 

Ob das nun empirisch haltbar ist, sei dahingestellt. Böse Zungen könnten aber behaupten, die Jüngeren würden sich dadurch einen evolutionären Vorteil erspielen. Und sie hätten damit sogar recht. Denn: Je flexibler der Daumen, desto weiter der Schritt in der menschlichen Entwicklung.

 

Vor etwa zwei Millionen Jahren begann der Daumen der frühen Menschen immer beweglicher und effizienter zu werden, was offenbar ein entscheidender Vorteil in der Evolution war. Das stellen Forschende der Universität Tübingen fest, die in einer neuen Studie die Fingerfertigkeit verschiedener Menschenformen berechnet haben. Denn der Daumen und die Menschheitsgeschichte sind enger verknüpft, als man sich das vorstellen mag.

 

So ist die Herstellung und die Verwendung von Steinwerkzeugen Grundstein der biokulturellen Evolution des Menschen und hängt stark mit der Feinmotorik der Hände zusammen. Je geschickter die Menschen mit ihren Fingern wurden, desto fortgeschrittener war ihre Entwicklung.

 

Das Forschungsteam aus Tübingen wollte jetzt wissen, welche Menschenform eigentlich als erstes mit Feinmotorik glänzen konnte. Dazu haben sie die Daumenknochen verschiedener früher Menschenformen – darunter auch Neandertaler und eine frühe Form des modernen Menschen – einem dreidimensionalen Scan unterzogen und die Kräfte der rekonstruierten Daumenmuskeln berechnet. Unser Ansatz konzentriert sich darauf, wie effizient die sogenannte Daumenopposition war. Die Stellung des Daumens gegenüber den anderen Fingern gilt als menschliches Merkmal und ist essenziell für Pinzettengriff und Werkzeuggebrauch , so Alexandros Karakostis, Erstautor der Studie und Experte für Handbiomechanik.

 

Dabei stellte sich heraus, dass der Homo erectus vor zwei Millionen Jahren ein bereits bemerkenswertes Geschick an den Tag legte. Den Forschenden zufolge gebrauchte diese Menschenform Werkzeuge mit Unterstützung eines größeren Gehirns. Der Werkzeuggebrauch fand auf einem höheren Niveau statt , beschreibt es Anthropologin Katerina Harvati, insgesamt lässt sich eine größere kulturelle Komplexität beobachten. Einfachere, ältere Menschenformen der Gattung Australopithecus hatten hingegen eine Daumeneffizienz, die mit der von Menschenaffen vergleichbar ist. Auch jüngere Menschenformen wie der Neanderthaler und unsereins – die ebenfalls zu Gattung Homo gehören – zeigten ein hohes Niveau in der Daumenflexibilität.

 

Dies unterstreicht, wie wichtig dieser evolutionäre Vorteil für die biokulturelle Weiterentwicklung des Menschen war.

 

Warum sich die Flexibilität im Gegensatz zur Grobmotorik durchgesetzt hat? Ganz einfach: Der Einsatz von Werkzeugen erlaubte es den Menschen, besseres Werkzeug herzustellen und damit das Nahrungsspektrum zu erweitern. Ein evolutionärer Vorteil!

 

Und wie geht die Menschheitsgeschichte weiter? Als Homo smartphonensis oder Homo zockerensis mit besonders schnell beweglichen Däumchen? Wird sich zeigen, ob die Bedienung von Handys oder ein schneller Finger am Controller der Spielkonsole die Menschen voranbringen. Falls der Daumen aber doch mal zu überstrapaziert ist, hilft die Raute der Bundeskanzlerin.